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A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Malte Taffner
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A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Malte Taffner

Neben seiner namensgebenden Installation “A Fragment of Eden” auf dem Goseriedeplatz hat der Künstler Malte Taffner im Rahmen dieses Projekts außerdem das Werk „Insektenhotel“ geschaffen und zusammen mit drei weiteren künstlerischen Positionen im Stadtraum von Hannover ausgestellt. Im Interview erzählt er, welche Ziele er in diesem Projekt verfolgt, woher die Entscheidung kam, drei weitere Positionen einzuladen und wie zukünftig digitale Tools in seine Arbeit integriert werden sollen.


Für “Offene Welten” wurdest du letztes Jahr von der Kestner Gesellschaft eingeladen, ein Projekt zu gestalten. Im Prozess hast dich dazu entschlossen, drei weitere künstlerische Positionen für das Projekt hinzuzuziehen? Wie kam es dazu?


In meiner künstlerischen Praxis arbeite ich auf einen synthetischen Eden (Synthetic Eden) hin. Diesen sehe ich als einen flexiblen Organismus, der Realität und Fiktion miteinander verbindet und neue Welten schafft. Das Ziel ist Prozesse zu initiieren und Infrastrukturen zu schaffen, die den Austausch, die Koexistenz oder gar die Symbiose von Pflanzen, Tieren, Menschen und Technik ermöglichen, um ein besseres Leben für alle Lebewesen und Lebensformen zu gewährleisten.


Der Garten Eden ist für mich Sinnbild einer utopischen Gesellschaft, in welcher alle Lebewesen und Lebensformen harmonisch zusammenleben. Zentrales Motiv dabei ist der Garten. Während eine Utopie stets Fiktion bleibt und nie Realität wird, birgt der Garten als heterotopischer Raum die Möglichkeit real gelebter und erfahrbarer Utopien. Dabei steht für mich das Bild einer symbiotischen Zukunft, in welcher der Mensch nicht mehr separat vom Ökosystem Natur betrachtet wird, sondern Bestandteil dessen ist, im Mittelpunkt.


Eben diese Zukunft zu erschaffen ist nicht Aufgabe einer einzelnen Person und folgt auch nicht einer einzelnen Vision. Wesentlich ist das Verschmelzen verschiedener Netzwerke. Einzelne Bestandteile, die zusammenwirken und etwas Größeres ergeben. Genau das passiert auch in dem Ausstellungsprojekt A Fragment of Eden. Nicht eine Vision des Eden, sondern verschiedene Fragmente, welche zusammen ein größeres Bild ergeben – auch wenn kein ganzes oder einheitliches. Die Zukunft liegt nicht in dem „Genie“ eines Einzelnen, sondern in der Zusammenarbeit der Gemeinschaft, deshalb war es mir wichtig auch andere künstlerische Positionen mit einzubeziehen.


Eure Werke rotieren in regelmäßigen Abständen durch die Stadt. Das ist eine zusätzliche Herausforderung. Woher kommt die Idee?


Wie der Titel der Ausstellung bereits sagt, handelt es sich um Fragmente des Eden. Jedes Werk greift unterschiedliche Teilaspekte unserer Zeit, die durch die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels, den Kapitalismus und ein postkoloniales Erbe geprägt ist, auf und macht sie zum Thema. Durch die Rotation der Arbeiten wird die Kunst direkt zu den Menschen gebracht. Jedes Werk stellt eine Gestaltungsmöglichkeit dar und ein neues Thema zur Diskussion. Die Besucher:innen werden so dazu animiert, sich mit der Gestaltung ihres direkten Umfelds sowie ihren eigenen Vorstellungen der Zukunft auseinander zu setzen und darüber mit einer lokalen Community in Austausch zu treten.


Zusätzlich zu euren Werken wurde – wie allen Projekten von “Offene Welten”- eine begleitende App veröffentlicht. Welche Bedeutung hat die App für dein Projekt und wie bringst du sie zum Einsatz?


Die App repräsentiert die digitale Realität, in der wir tagtäglich leben. Sie greift diese auf, macht sie zu einem Bindeglied zwischen verschiedenen Netzwerken – Mensch, Technik, Stadtraum, Natur und Kunst. So stellt sie eine Erweiterung des physischen Raumes dar und wirkt als Vermittlerin zwischen den einzelnen Netzwerken.


Bei der App haben wir einen spielerischen Ansatz verfolgt und uns an einer Mischung aus alten „Point-and-Click“, aber auch an neueren Spielen wie Pokémon-Go oder Geocaching orientiert. Eine fiktive Narration führt Nutzer:innen in die App und die Welt der Ausstellung ein. Eine Karte navigiert sie durch den Stadtraum und zeigt die einzelnen Ausstellungsorte – welches Objekt ist gerade wo zu sehen. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Chatfunktion. Im Individual-Chat werden die Kunstwerke zum Leben erweckt. Sie werden zu eigenen Entitäten und erzählen von ihrer Geschichte, fernen Zukünften und parallelen Gegenwarten. Darüber hinaus können vor Ort über GPS die ortsgebundenen Gruppenchats freigeschaltet werden. Hier bin ich sehr gespannt, wie diese genutzt werden und sich über den Zeitraum des Projektes entwickeln. In den Gruppenchats können sich die Nutzer:innen über die Werke und die Orte austauschen. Bestenfalls bilden sich hier lokale Gruppen, die sich über ihre Vorstellungen unterhalten und daraufhin sogar aktiv werden.


Das ist ein Punkt, der mich in meiner künstlerischen Arbeit sehr interessiert, der Aspekt der Ko-Kreation. Sei es, wenn ich in meiner Arbeit mit natürlichen und lebendigen Materialien arbeite, wenn ich andere Künstler:innen in meine Projekte involviere oder wie bei den Gruppenchats die Nutzer:innen Teil des Kunstwerks werden lasse. Ich setze einen Impuls, gebe aber Kontrolle ab und setze einen gemeinschaftlichen Prozess in Gang. Ausstellung und Kunstwerk bekommen ein Eigenleben und treten in einen Zustand des Werdens, des Wandels, des Wachsens.


Ist „A Fragment of Eden“ dein erstes Projekt im öffentlichen Raum? Worin besteht für deine Arbeit der Unterschied zum „geschützten“ Ausstellungsraum?


Der öffentliche Raum begleitet mich schon sehr lange in meiner künstlerischen Arbeit und spielt für mich eine zentrale Rolle. Habe ich ihn bisher immer nur in den Ausstellungsraum transferiert und ihn dort thematisiert, stellt „A Fragment of Eden“ meine erste Ausstellung im öffentlichen Raum dar.


Der Stadtraum interessiert mich sowohl als Thema als auch als Ort aus verschiedenen Gründen. Die Idee der Stadt bildet eine Utopie für sich und ihr öffentlicher Raum stellt eine Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft dar und bildet damit sehr gut einen gegenwärtigen Zustand ab. Er zeigt auf welche Netzwerke unseres Lebens wann und wo zusammenkommen und wie sie sich verhalten. Ich sehe den Stadtraum als ein organisches Gebilde, stetig im Wandel, bedingt durch den Einfluss von Vielen.


In meiner Kunst schaffe ich in der Regel durch raumgreifende Installationen fiktive Räume beziehungsweise Szenarien, welche einen Erfahrungsraum aufmachen. Was sind mögliche Umgangsformen mit unserer gegenwärtigen ökologischen Krise und wie könnten mögliche Zukünfte aussehen? Die Herangehensweise bleibt im Grunde genommen bei beiden Ausstellungssituationen die gleiche. Im Ausstellungsraum muss ich das Szenario jedoch überhaupt erst schaffen, wohingegen der öffentliche Raum das Szenario bereits bereitstellt. Bleibt meine Kunst im Ausstellungsraum aufgrund seiner Abkapslung stets Metapher, ermöglicht der öffentliche Raum über einen theoretischen Ansatz hinaus reale Orte und eine direkte Interaktion mit der Umwelt zu schaffen.


Beide Ausstellungssituationen haben dabei ihr Für und Wider. Der geschützte Ausstellungsraum ermöglicht es durch seine Neutralität viel mehr in den fantastischen und fiktiven Raum zu gehen. Der geschützte Raum macht es auch einfacher mit technischen Applikationen, filigranen Formen oder zerbrechlichen Materialien zu arbeiten. Im öffentlichen Raum muss alles stabil und kompakt sein, damit die Objekte nicht so leicht kaputtgehen/gemacht oder gestohlen werden können. Außerdem befindet sich die Arbeit im öffentlichen Raum immer im Hier und Jetzt – im Kontext des realen Umfelds.


Hast du vorher schon mal in deiner künstlerischen Praxis mit digitalen Tools gearbeitet?


Bisher beschränkt sich die digitale Arbeit auf meinen künstlerischen Prozess. In der Regel fertige ich digitale Modelle meiner Objekte an, bevor ich sie dann materiell umsetzte. Bisher habe ich meine Skulpturen und Installationen eher mit technischen Applikationen erweitert oder zum „Leben“ erweckt. In Zukunft möchte ich aber auch gerne mehr mit digitalen bildgebenden Mitteln oder auch Sound in meinen künstlerischen Arbeiten umgehen. Dabei wird jedoch weiterhin ein skulptural installativer Umgang damit im Fokus stehen.


Ich bin auch sehr interessiert daran, das durch das Projekt Offene Welten entstehende und von interkit programmierte Open Source Toolkit für mobile Apps für zukünftige Projekte weiterzunutzen. Dabei interessiert mich nicht nur die Chatfunktion, sondern auch das Nutzen von Audiospuren oder AR, um den materiellen und den digitalen Ausstellungsraum zu erweitern und ihn über die architektonischen Grenzen des Ortes hinauszutragen. 


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