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A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Nike Kühn
Aus dem Backend – Fünf Fragen an interkit

A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Nike Kühn

Nike Kühn ist eine von 4 künstlerischen Positionen, deren Werke im Projekt „A Fragment of Eden“ der Kestner Gesellschaft bis zum 30. September im Stadtraum von Hannover zu sehen sind. Im Interview erzählt sie, was es mit ihrer Arbeit „Alien Species“ auf sich hat.


Dein Werk besteht aus einem nicht mehr fahrtauglichen Auto, das du von innen bepflanzt hast und das zurzeit an der Dornröschenbrücke zu sehen ist. Wie hast du dir das Auto eigentlich beschafft?


Die Suche war tatsächlich recht zeitintensiv, da das passende Auto ganz bestimmte Bedingungen erfüllen musste. Beispielsweise war es mir wichtig, einen defekten Wagen zu nutzen, der aber äußerlich noch intakt ist. Das Dachfenster war ebenfallsein wichtiger Aspekt, um zu verhindern, dass das Auto/Gewächshaus im Sommer überhitzt. Am Ende habe ich das  Auto von einer Privatperson gekauft. Das Modell ist meiner Ansicht nach sehr passend für die Stimmung, die ich durch meine Arbeit erzeugen möchte. Besonders am jetzigen Standort an der Dornröschenbrücke wirkt es wie ein irritierender Fremdkörper. Deshalb haben einige besorgte Anwohner:innen bereits am Tag vor der Eröffnung die Polizei gerufen, die dann auch die Nummernschilder beschlagnahmt und gedroht hat, den Wagen abschleppen zu lassen. Wir konnten jedoch alles schnell klären. Die Installation ist auf den ersten Blick nicht als künstlerische Arbeit zu erkennen – was aber Teil des Konzepts ist. Die Interaktion zwischen Objekt und Standort interessiert mich sehr, wobei ich auch Vandalismus als Reaktion auf meine Arbeit werte.


Und wie bist du auf den Titel „Alien Species” gekommen? Woher kommt diese Verbindung zwischen extraterrestrischem Leben und Natur?


Der Titel Alien Species ist im englischen Sprachraum eine Bezeichnung für Neophyten, wobei das Wort Alien ja sofort Assoziationen anregt über Ängste vor der Invasion durch Außerirdische, welche in der Diskussion über Neophyten häufig mitschwingen. Dabei ist zu hinterfragen, ob Neophyten wie der Japanische Staudenknöterich hierzulande immer noch als fremd anzusehen sind, obwohl diese Pflanze seit fast 200 Jahren hier wächst und inzwischen weit verbreitet ist. Spekulationen über außerirdisches Leben interessieren mich eher weniger. Was mich interessiert ist das Staunen über natürliche Phänomene, welches dazu führen kann, Pflanzen und Tiere als fremdartig anzusehen, gewissermaßen wie Aliens eben. Das hängt sicherlich mit unseren Sehgewohnheiten zusammen. Ich persönlich komme immer wieder ins Staunen, wenn ich mich mit Phänomenen aus der Pflanzenwelt beschäftige.


Was interessiert dich speziell an Neophyten?


Wir stellen uns Pflanzen in aller Regel als statische Lebensformen vor. Diese Vorstellung übersieht aber, dass Pflanzen in ständiger Bewegung sind. Neophyten sind für mich sinnbildlich für menschliche Eingriffe in natürliche Prozesse, deren Folgen oft schwer abzuschätzen sind. Pflanzen wie beispielsweise der Japanknöterich sind ja erst durch die Menschen nach Mitteleuropa eingeführt worden, werden dort aber inzwischen bekämpft, weil sie durch ihre rasche Ausbreitung zum Problem geworden sind – wofür übrigens nicht zuletzt die durch die Klimakrise veränderten klimatischen Bedingungen verantwortlich sind. Bei meiner Recherche über das Thema ist mir häufig die eindimensionale Rhetorik aufgefallen, mit welcher über Neophyten gesprochen wird. Selten nur erfährt man etwas über den postkolonialen Hintergrund dieser Pflanzen, beziehungsweise des Konzepts Neophyten allgemein. Spannenderweise gilt eine Pflanze dann als Neophyt, wenn sie nach 1492 nach Mitteleuropa eingeführt wurde. Natürlich gab es aber schon vor Beginn der Kolonialzeit Pflanzen, die ihren Standort gewechselt haben.


Mit der gleichnamigen App „A Fragment of Eden“ kann man mit deiner Arbeit in Kontakt treten. Welche Bedeutung hat die App für dein Projekt und wie nutzt du sie?


Die App liefert auf spielerische Art und Weise weiterführende Informationen über den Hintergrund meiner Arbeit. Im Chat führt die Nutzerin eine Unterhaltung mit einem müden alten Auto, welches zwischen zwei Nickerchen etwas über den kolonialgeschichtlichen Hintergrund von Neophyten erzählt. Den Gruppenchat nutze ich, um mich mit anderen Menschen über den Zustand meiner Arbeit auszutauschen und Impulse zum Austausch über das Thema Neophyten zu geben. Im besten Fall entsteht so ein Dialog zwischen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten.


Hast du vorher schon in deiner künstlerischen Praxis digital gearbeitet?


Ja, natürlich. Digitale Medien sind ja aus einer zeitgenössischen künstlerischen Praxis kaum wegzudenken. Allerdings spielten sie in meiner künstlerischen Praxis bisher eher eine untergeordnete Rolle, denn da ich überwiegend bildhauerisch und installativ arbeite, habe ich digitale Techniken eher zur Dokumentation und Präsentation meiner Arbeit eingesetzt denn als künstlerische Technik. In letzter Zeit arbeite ich allerdings zunehmend auch mit 3D-Scans und anderen digitalen Techniken.

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