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A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Collectif Grapain
A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Lea Schürmann und Christian Holl
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A Fragment of Eden – Fünf Fragen an Lea Schürmann und Christian Holl

Die Künstler:innen Lea Schümann und Christian Holl haben im Rahmen von „A Fragment of Eden“ kollaboriert und gemeinsam das Werk „Tower“ geschaffen, das noch bis zum 30. September 2022 im Stadtraum von Hannover zu sehen ist. Wir haben den beiden 5 Fragen dazu gestellt. 


Für die Ausstellung „A Fragment of Eden“ arbeitet ihr beiden als Duo/Kollektiv zusammen. Woher kennt ihr euch und habt ihr vorher schon für andere Projekte kollaboriert?


C.H.: Wir kennen uns aus dem Studium an der HBK (Hochschule für Bildende Künste) in Braunschweig. Wir haben zur selben Zeit das Studium begonnen und 2019 den Abschluss bei Raimund Kummer gemacht. Seit 2016 waren wir immer mal wieder gemeinsam in Ausstellungsprojekte involviert, ohne aber für künstlerische Arbeiten zu kollaborieren.


L.S.: Erst gegen Ende des Studiums, haben wir für einen Offspace in einem leerstehenden Arbeitsamt in Mainz eine gemeinsame Rauminstallation entwickelt. Bei dem Projekt „alpha sooth“, das wir 2023 wieder aufgreifen und weiterentwickeln wollen, geht es um die sogenannten Rituale, Methoden, Werkzeuge und Techniken die Menschen nutzen um sich selbst zu heilen oder zu optimieren. Wir wollen verschiedene Ausdrucksformen aus diesen Sphären sammeln und in eine spekulative Zukunft oder parallele Gegenwart verschieben.


Eure Arbeit „Tower“ kommt sehr technisch und clean daher, zum Beispiel durch die Edelstahloptik, ist aber eigentlich eine sehr organische Arbeit. Ist dieser Kontrast beabsichtigt?


L.S.: Absolut! in der Arbeit geht es viel darum zum einen die fixiert-menschliche Perspektive in Frage zu stellen und zum anderen Ökologie als ein Zusammenwirken aller Dinge auf dem Planeten zu betrachten. Wir beziehen uns dabei u.A. auf den Begriff der Symbiogenese, insbesondere den damit vermittelten Ansatz Evolution nicht als das Überleben der Stärkeren zu interpretieren, sondern als das Überleben der Kollaborateure. Wer also in der Lage ist mit den “Anderen” eine Gemeinschaft, Verschmelzung, oder zumindest gute Nachbarschaft einzugehen, wird eher überleben und sich weiterentwickeln. Eine für uns besonders relevante Ausdrucksform der Symbiogenese ist Mimikry, also die Nachahmung bestimmter Merkmale anderer Arten. Mit dem Tower versuchen wir etwas Ähnliches: der kastige mit Edelstahlblech verkleidete Körper, der in seinen Abmessungen auf den durchschnittlichen menschlichen Körper abgestimmt ist trägt Merkmale bekannter Objekte aus dem öffentlichen Raum (wie etwa Automaten, Stromkästen, Mülleimer, Schaukästen usw). Den Betrachter:innen wird suggeriert, das sie es mit einem Objekt zu tun haben, das in seinen Funktionen auf menschliche Bedürfnisse, oder Notwendigkeiten ausgerichtet ist. “Angelockt” von dieser Mimikry nähert sich die/der ein oder andere Passant:in und versucht erst einmal herauszufinden “was das Ding denn macht”. Wir hoffen dass für einige ein empathischer Moment einsetzt. Dass ich mich hineinversetze in das Innere des Towers. Unsere Science Fiction Fantasie würde diesen Moment als Infektion bezeichnen, den Moment in dem man plötzlich aus dem Tower herausschaut und das was drin war schaut rein. 


Und was genau befindet sich in im “Tower”? 


C.H.: Im Plexiglasbehälter des Towers befindet sich eine sogenannte Hermetosphäre. Das ist ein geschlossenes ökologisches System aus Produzenten (Pflanzen), Konsumenten (Insekten) und Destruenten (Boden- und Mikroorganismen). Außerdem 3D gedruckte Skulpturen aus einem biologisch aktiven Filament. Durch die Materialeigenschaften reagieren und beeinflussen die Skulpturen die Lebensbedingungen im Inneren, sie können Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben und dienen Pflanzen, Insekten und Organismen als Nährboden. Neben Nematoden und Springschwänzen haben wir weiße Asseln und Schleimpilze in die Hermetosphäre eingesetzt. Sie alle verwerten abgestorbenes Material und halten das System im Gleichgewicht. Die Pflanzen, von denen einige aus den Gewächshäusern der Herrenhäuser Gärten stammen, sind an ein tropisches Klima mit hoher Luftfeuchtigkeit angepasst.


Welche Bedeutung hat die gleichnamige App „A Fragment of Eden“ für euer Projekt und wie nutzt ihr sie?


L.S.: Die App ist insofern spannend für unsere Arbeit, da sie eine weitere Ebene von Unsichtbarkeit und Anonymität hinzufügt. Wir haben uns deswegen auch entschieden in unserem Chat auf die Dialogform zu verzichten und statt eines Gesprächsverlaufs “Protokolle” einzuführen. Diese Protokolle können von den Nutzer:innen frei formuliert werden und erwarten keine Reaktion von den Lesenden. Neben Länge, Stil und Inhalt können verschiedene Perspektiven eingenommen werden, wodurch Fragen wie „Wer bin ich, wenn ich schreibe? Und an wen richtet er/sie/es sich?“ neu aufgeworfen werden.


C.H.: Außerdem kann man wöchentlich aktualisierte Statistiken zu Luftfeuchtigkeit und Temperatur abrufen, die einen Einblick in die klimatischen Bedingungen in der Hermetosphäre ermöglichen. Kombiniert man die Klimadiagramme mit den Beobachtungen aus den Protokollen, ergibt sich eine Geschichte über die Entwicklungen und Ereignisse im Innern und der Umgebung des Towers.


Habt ihr vorher schon in eurer künstlerischen Praxis digital gearbeitet?


C.H.: Ich arbeite schon seit Mitte meines Studiums viel mit digitalen Tools. Zu Beginn mit 3D-Scans von kleinen Modellen, die ich stark vergrößert in Styropor habe fräsen lassen. Durch die Nach- und Weiterbearbeitung der Scans habe ich mich dann immer mehr mit 3D-Modeling/Sculpting und Animation beschäftigt und arbeite mittlerweile oft mit dem 3D-Drucker. So kann ich die unterschiedlichen Welten bis zu einem gewissen Punkt von zu Hause aus entwerfen und muss erst für die Umsetzung raus ins Atelier. Eigentlich sind alle meine großen und skulpturalen Arbeiten der letzten Jahre aus digitalen Modellen entstanden.


L.S.: Ich habe erst für dieses Projekt ernsthaft mit 3D-Sculpting Software gearbeitet. Das war für die Umsetzung extrem hilfreich und eigentlich unumgänglich, da wir in den Objekten Merkmale ganz unterschiedlicher Körper mit einbinden wollten. Wie etwa von Insektenpanzern, Fruchtkörpern, Felsformationen und auch verschiedene Zustände wie Fraßspuren, Ausschläge, Erosionen usw. Mithilfe der Software konnten wir 3D-Scans nutzen, die wir vor kurzem in Portugal aufgenommen haben, diese verfremden, zerschneiden, neu verbinden und mit frei modellierten Strukturen verbinden.


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