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Sam – Fünf Fragen an Florence Jung
TechTalk: Was bedeutet Open Source?
Sam. Florence Jung

Einblicke: Moritz Frischkorn über THE GATE

Foto: Julius Krum

Was ist THE GATE? Wohin führt das „Tor zur Welt“? Wie wirkt ein solcher Slogan auf eine Stadt ein? Auf ihre Geographie, ihr Selbstverständnis, das Lebensgefühl in ihren Straßen und auf ihren Plätzen?


Wer die App mit demselben Titel öffnet, dem wird zunächst ein solches Tor, das über einem regelmäßigen, bunt eingefärbten Raster zu sehen ist, angezeigt. Damit wird schon im Intro der Anwendung die Frage eröffnet, mit welchen künstlerischen und erzählerischen Mitteln den long tides, der administrativen Rigidität und architektonischen Schwere, den internationalen Investitionen und jahrelangen Verfahren stadtplanerischer Prozesse beizukommen ist. Welche verschlungenen Linien lassen sich durch das rechteckige Gitter einer Planstadt ziehen?


THE GATE jedenfalls – konzipiert, recherchiert und gestaltet von Ellen Blumenstein und ihrem kuratorischen Programm IMAGINE THE CITY – ist ein Experiment und Modellprojekt zugleich: In einer scheinbar nie enden wollenden Audiomediathek wird davon erzählt, unter welchen ideologischen und narrativen Prämissen Stadtentwicklung in Hamburg betrieben wird. Empirisches Material ist die Hamburger HafenCity selbst, als Anlass und reale Verankerung dient ein Kunstspaziergang entlang unterschiedlicher Kunstwerke im Stadtraum. Die Geschichte des Stadtteils wird neu aufgerollt, zentrale Bauwerke reflektiert, aber auch über die Zukunft der HafenCity erlaubt sich die App zu spekulieren. Ergänzt wird dieses reichhaltige Material durch Stimmen der Bewohner:innen selbst, durch literarische Texte und philosophische Reflexionen über das Zusammenleben in Städten. Alle Audiobeiträge sind auf einer Karte bestimmten Orten zugeordnet, gleichzeitig kann die Karte an verschiedene historische Zeitpunkte angepasst werden. Alles Material lässt sich in der App zudem nach inhaltlichen Gesichtspunkten (Kontrolle, Paradies, Potenz, usw.) noch einmal neu anordnen und wird damit thematisch miteinander verknüpft.


Das alles ist zugleich wunderbar, bewundernswert und überfordernd. Jedenfalls, so stelle ich fest, ist THE GATE ein Projekt für die Zukunft: Es lässt sich nicht an einem Nachmittag, nicht in einer Woche, sondern nur – genießerisch und langsam kauend – über Monate oder Jahre hinweg konsumieren. Wer sich ansehen möchte, wie ein künstlerisches Digitalprojekt sich mit ausufernder Imagination und Akribie der Aufgabe widmet, darüber zu reflektieren und davon zu erzählen, wie Metaphern unsere gebaute Umwelt und unsere Lebenswege innerhalb dieser Sozio-Geographie bestimmen, der wird hier fündig. Wer eine Begleitung für einen Nachmittagsspaziergang sucht, der kann hier stöbern, er wird aber möglicherweise von der Fülle des Materials überfordert sein – und zuhause noch einmal weiterhören müssen. Mir gefällt es sehr gut: Ich mag den anmaßenden Anspruch, die überbordende Reichhaltigkeit, die Direktheit und den Witz der einzelnen Beiträge. Und ich plädiere dafür, dass dieses alternative Stadtarchiv der HafenCity von der Stadt verewigt wird. Was das für digitale Inhalte heißt, dazu erwarte ich eine neue Arbeit von IMAGINE THE CITY…


Der Choreograph und Kulturwissenschaftler Moritz Frischkorn, tätig in Hamburg, Berlin und international, beschäftigt sich mit Choreographien von Dingen und ihren sozio-materiellen Effekten. Zur Zeit arbeitet er selbst, gemeinsam mit den Künstler:innen Ibrahim Nehme, Myriam Boulos, Nour Sokhon, Siska und dem Augmented Archive Project (Kaya Behkalam/Farhan Khalid), an einer künstlerischen App zum Verhältnis zwischen Beirut und Hamburg. Mehr Infos hier.


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